Die Geschichte der ZeughausKonzerte

Deutschland in Trümmern, in manchen Städten kein Stein mehr auf dem andern, die Infrastruktur am Boden, dafür Schwarzhandel und »Fringsen« an der Tagesordnung: In einer solchen Lage an die Kunst denken, scheint das Abwegigste überhaupt – und ist doch, wie uns die Geschichte ganz allgemein immer wieder zeigt, das erste, was geschieht, wenn denn nur die gröbsten Stolpersteine aus dem Weg geräumt und eine notdürftige Grundversorgung arrangiert ist.

So kam es auch 1946 durch die großartige Initiative der »Gesellschaft für christliche Kultur« binnen kurzem zu einer ganz erstaunlichen Blüte, als nämlich die Bürger der Stadt Neuss am Rhein den Grundstein für ein musikalisches Leben nach dem Kriege legten. Auf dem holprigen Boden der sogenannten »Realität«, will sagen: ohne einen echten Konzertsaal, ohne große Vorräte an druckfähigem Papier, ohne all die Kommunikationsmittel unserer Gegenwart setzte sich das geistig-künstlerische Leben über alle Widrigkeiten mit solch enormem Schwung hinweg, daß Neuss schon vor der »Währungsreform« eine Anlaufstation der renommiertesten Musiker wurde.

Gleich beim ersten Meisterkonzert, das damals noch im Quirinus-Gymnasium stattfand, spielte der Pianist Carl Seemann am 7. Januar 1948 Musik von Harald Genzmer, Alexander Tscherepnin (!), Frédéric Chopin und Johannes Brahms. Bald kam der legendäre Flötist Gustav Scheck, ein Pionier der Alten Musik, mit dem Holzvergaser-Auto aus Köln angedampft und bescherte dem Publikum trotz erheblicher Verspätung – man hatte vergessen, den langwierigen Apparat rechtzeitig vorzuheizen – mit seinem Cembalobegleiter ein unvergeßliches Konzertereignis. Und es konnte durchaus geschehen, daß anstelle der kaum vorhandenen »Geldzettel« eine weit wertvollere Honorierung in Naturalien erfolgte: Honi soit qui mal y pense!

Der geradezu kolossale Anfangserfolg verlangte nach einer systematischen Betreuung, und so wurde 1949 die Reihe der Zeughauskonzerte der Stadt Neuss als alleinigem Träger überlassen. An dieser Zuständigkeit hat sich seit nunmehr gut sechs Jahrzehnten nichts geändert, und es hätte auch nie den geringsten Grund dafür gegeben: Jean Françaix, Edmond de Stoutz, Friedrich Gulda, Peter Pears, Jessye Norman, Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau sind nur einige der renommiertesten Gäste, die sich in dem schmalen, hohen Konzertsaal mit seiner exzellenten Akustik produziert – und wirklich gern produziert haben.

Schwerpunkt der Reihe war dabei, nicht zuletzt aufgrund des besonderen Raumklangs, seit jeher die Kammermusik, die in den großen Tonhallen oft (und begreiflicherweise) zu kurz kommt: Vor fünfhundert dicht beieinandersitzenden Zuhörern musiziert sich ein Streichquartett oder Klaviertrio einfach intimer als vor den unendlichen Reihen, in denen sich vielleicht dieselben fünfhundert Menschen verteilen.

Nicht ohne tieferen künstlerischen Grund kommt der Westdeutsche Rundfunk alljährlich mit seinem Ü-Wagen, um mehrere Konzerte in dem einstigen Kirchenschiff mitzuschneiden.

Die ZeughausKonzerte wurden bisher maßgeblich durch drei Programmplaner gestaltet:

Walter Paul (1905-1985) von 1950 bis 1968
Dr. Gerhard Oeltze (1919-2003) von 1978 bis 1984
und seit der Saison 1984/1985 (bis heute) durch Dr. Rainer Wiertz, dem Kulturreferent der Stadt Neuss.

Zitate aus dem Gästebuch

»Wie schön, wieder in Neuss zu singen.«
Jessye Norman

„An Zeughauskonzerte der Stadt Neuss: Avec beaucoup de plaisir j’ai rejoué devant ce public si concentré et connaisseur, grâce aux beaux concerts qui leur aient donnés d’entendre pendant toutes ces années passées.“ Nikita Magaloff

„Zur freundlichen Erinnerung und herzlichen Gratulation zu diesem schönen Saal.“ Friedrich Gulda

„With happy memories of our first concert in Neuss best wishes.“ Peter Pears, Julian Bream

“ Puisqu’il m’est permis d’ecrire ‚au revoire‘, je le fais de tout cœur!“ Jean Françaix